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Pflege: Menschenwürdige Lebensbedingungen nur mit motivierenden Arbeitsbedingungen

4. März 2020

Dass Österreichs Pflegesystem dringend reformbedürftig ist, wird von niemandem mehr bestritten. Zu knappe Personalbemessung und schlechte Rahmenbedingungen machen nicht nur den Beschäftigen zu schaffen und führen zu hohen Ausstiegsraten in den Pflegeberufen, sie machen es den Pflegekräften auch trotz aufopfernden Engagements sehr schwer, eine menschenwürdige Betreuung der zu Pflegenden sicherzustellen. Volksanwalt Bernhard Achitz und die beiden AK-Präsidenten Johann Kalliauer (OÖ) und Erwin Zangerl (Tirol) haben heute in einer Pressekonferenz gemeinsam Vorschläge zur Verbesserung der Pflegesituation in Österreich präsentiert.

Volksanwaltschaft: Steht Personal unter Zeitdruck, steigt Risiko für Menschenrechtsverletzungen

„Die Volksanwaltschaft kontrolliert jedes Jahr hunderte Einrichtungen, in denen Pflegebedürftige oder Menschen mit Behinderung leben – und regelmäßig stoßen wir dabei auf Menschenrechtsverletzungen“, sagt Volksanwalt Bernhard Achitz: „In den allermeisten Fällen ist offensichtlich: Das Pflegepersonal tut sein Bestes, aber die Rahmenbedingungen machen ganzheitliche, aktivierende und integrierte Pflege und Betreuung schwierig bis unmöglich.“ Beispiele für Probleme durch zu wenig Pflegepersonal: Ruhigstellung durch Medikamente, Einsperren, Freiheitsentzug durch schwer zu öffnende Türen oder Liftsperren, Mangelernährung oder Dehydration, Abendessen schon am Nachmittag, vorzeitige Nachtruhe, fehlende Beschäftigungsangebote und fehlende Hygiene.

Verbesserungen sind etwa durch spätere Nachtruhe, flexible Essenszeiten, Abendprogramm auf den Stationen oder Begleitung in den Garten möglich. Dafür ist mehr Personal notwendig. Auch mehr Fortbildungen sind erforderlich, etwa zu Gewalt und Deeskalationsmanagement. „Klar ist: Menschenrechtsverletzungen müssen sofort beseitigt werden!“, fordert Achitz. „Ausreichende finanzielle Mittel und entsprechend qualifiziertes Personal sind der Schlüssel für menschenwürdige Bedingungen. Steht das Personal unter Zeitdruck, steigt das Risiko für Menschenrechtsverletzungen, weil nur noch das Notwendigste erledigt werden kann“, so der Volksanwalt. Damit ausreichend Menschen für den Pflegedienst gewonnen werden können, müssen die Bedingungen besser werden. Derzeit schaffen nur wenige, Vollzeit zu arbeiten: 70 Prozent arbeiten Teilzeit.

AK Oberösterreich: Personalberechnung muss an geänderte Pflegeaufgaben angepasst werden!

„Pflege- und Betreuungskräfte erbringen 365 Tage im Jahr rund um die Uhr enorme Leistungen. Die Anforderungen an sie haben sich stark verändert und sind massiv gestiegen. Allerdings wurden die Berechnungsmodelle zur Personalausstattung dementsprechend seit den 1990er-Jahren nicht angepasst“, kritisiert AK-Präsident Johann Kalliauer. Demenzarbeit, psychosoziale Begleitung und vieles mehr werden nicht berücksichtigt. Dies führt dazu, dass die Beschäftigten in der Pflege regelrecht ausbrennen und eine qualitätsvolle, ganzheitliche Pflege und Betreuung, die nicht nur die Grundpflege abdeckt, sondern die Beziehungspflege im Vordergrund sieht, kaum noch möglich ist.

Kalliauer fordert österreichweit verbindliche, transparente und einheitliche Personalberechnungsmodelle, 20 Prozent mehr Personal und eine stärkere Berücksichtigung von Demenz und psychosozialen Komponenten in der Personalberechnung. Nachtdienste sollten nicht mehr alleine betreut werden müssen. Für Kalliauer außerdem notwendig: „Ein klares Bekenntnis zur solidarischen und gerechten Finanzierung der Pflege, die eine Millionärssteuer inkludiert. Damit kann der Ausbau der öffentlichen Angebote rasch vorangetrieben werden.“

AK-Tirol: Nicht nur Jugendliche für Pflegeausbildung motivieren

Derzeit werden neue Ausbildungsformen für Pflegeberufe diskutiert oder bereits eingeführt. AK-Tirol-Präsident Erwin Zangerl begrüßt etwa die Ausbildung an der BMS/BHS, „aber die Qualität muss erhalten bleiben. Deshalb ist es erforderlich, die derzeitigen Ausbildungsstunden in Theorie und Praxis beizubehalten und sehr kritisch darauf zu achten, wie diese Projekte umgesetzt werden.“ Keine Lösung sei die Pflegelehre: „Die Gefahr, dass die jungen Menschen als billige Lückenfüller ausgenützt werden, dass sie überfordert und ‚verbrannt‘ werden, ist zu groß.“

Die Politik darf sich nicht auf Jugendliche konzentrieren, wenn sie Interesse am Pflegeberuf wecken will. Auch Wieder- und Quereinsteiger/-innen gilt es zu motivieren. Für jede Zielgruppe bedarf es eigener Strategien und Angebote – „von speziellen Deutschkursen, Kinderbetreuung, Finanzierung bis hin zu Hilfestellungen beim Nostrifikationsverfahren.“ Und man muss darüber nachdenken, Studiengebühren an Pflege-FHs abzuschaffen und Auszubildenden an Krankenpflegeschulen und Fachhochschulen, insbesondere im Praktikum, eine Entlohnung zukommen zu lassen. Zangerl: „Bei der Polizei gibt es ja auch schon während der Ausbildung mehr Geld als das in der Pflege übliche Taschengeld.“