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Eine von Fünf
Die Volksanwaltschaft ist eine unabhängige Kontrolleinrichtung. Ihre Aufgaben sind in der Bundesverfassung und dem Volksanwaltschaftsgesetz festgelegt.

Kinder und Jugendliche als Betroffene von häuslicher Gewalt

5. Dezember 2018

Am 26.11.2018 eröffneten Volksanwältin Gertrude Brinek, Universitätsprofessorin Andrea Berzlanovich und Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser, die diesjährige Ringvorlesung „Eine von fünf“ in der Volksanwaltschaft. Die interdisziplinäre Veranstaltungsreihe findet alljährlich von Ende November bis Anfang Dezember im Rahmen der Kampagne "16 Tage gegen Gewalt an Frauen und Mädchen" statt, um auf das verheerende Ausmaß von Gewalt an Frauen aufmerksam zu machen. Der Name ist gleichzeitig Programm: Eine von fünf Frauen ist hierzulande körperlicher und/oder sexueller Gewalt ausgesetzt.

Die Lehrveranstaltung will Studierende aus unterschiedlichen Fachrichtungen dafür gewinnen, sich im Hinblick auf ihre zukünftige berufliche Praxis sowie im wissenschaftlichen Kontext mit der Gewaltthematik und den für die Betroffenen daraus resultierenden gesundheitlichen Problemen intensiv zu befassen. Der diesjährige Schwerpunkt lautet "Kinder/Jugendliche als (Mit-)Betroffene häuslicher Gewalt".

Gewaltfreiheit kann man lernen

Bei der Auftaktveranstaltung in der Volksanwaltschaft ging Volksanwältin Brinek auf die Studien und Statistiken zu gewaltbetroffenen Kindern und Jugendlichen ein: „Als Mitbetroffene sind sie Teil eines Kreislaufs, der bei Nichtbeachtung immer weiter verstärkt wird und zu vielfach dramatischen Folgen und auch Schäden führt. Kinder und Jugendliche als Zeugen und Opfer von Gewalt in der Familie sind orientierungslos, traumatisiert, fühlen sich mitverantwortlich und sind langfristig oft beziehungsgestört.“

Trotz der vorliegenden Zahlen der Kriminalstatistik sind diese immer noch zu wenig detailliert, um effektiv und präventiv Maßnahmen gegen Gewalt setzen zu können. „Anstrengungen sind im Bereich der Forschung betreffend Gewalt gegen Frauen im häuslichen Umfeld zu treffen, ebenso sind die zersplitterten Initiativen in den Bundesländern zusammenzuführen, um nachhaltig und lösungsorientiert wirken zu können“, so Brinek. Sie forderte außerdem, dass gewaltfreies Zusammenleben gelernt werden muss, vorrangig von den ersten Bildungseinrichtungen an. Die Schule ist ein Ort des sozialen Lernens, das an außerschulischen Orten fortgeführt werden soll. „Keine Gewalttat fällt von heute auf morgen vom Himmel. Menschen sollen durch Wissen gestärkt und ermutigt werden, sich gewaltfrei zu wehren.“

Zufluchtsorte ausbauen

Maria Rösslhumer präsentierte einige Zahlen, Daten und Fakten. Internationale Studien belegen, dass in 70 Prozent der Fälle, in denen Frauen Gewalt durch die eigenen Ehemänner und Lebensgefährten erleben, auch die Kinder misshandelt werden. Je häufiger und schwerer Frauen misshandelt werden, desto gravierender und massiver ist auch die Gewaltanwendung an Kindern. Aber auch dann, wenn Kinder nicht Gewalt am eigenen Leib erleben, so wird ihnen durch das Miterleben an Misshandlungen und Drohungen gegenüber der Mutter Gewalt angetan. Jährlich flüchten über 3.000 Frauen mit ihren Kindern in die österreichischen Frauenhäuser, 2017 waren es 3.341 Frauen und deren Kindern – davon waren 1.708 Kinder (1.633 Frauen).

„Frauenhäuser sind die einzigen Einrichtungen in Österreich, die Schutz und Sicherheit, Beratung und Betreuung zugleich anbieten. Aber das ist nicht ausreichend und genug. Denn Kinder können nicht alleine in Frauenhäuser ziehen, sondern nur in Begleitung der Mütter,“ so Rösslhumer. Es bräuchte nicht nur eigene Mädchenhäuser wie in Deutschland, die vor häuslicher und sexueller Gewalt schützen, sondern auch mehr Notunterkünfte für von Zwangsverheiratung bedrohte und betroffene Mädchen und junge Frauen.

Zeichen gegen Gewalt setzen

Universitätsprofessorin Andrea Berzlanovich erläuterte, wie Kinder Gewalt Zuhause erleben und wie diese Eindrücke sie ein Leben lang prägen. Kinder, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, übernehmen oft die Verhaltensweisen ihrer Eltern. So sind Buben mit einschlägigen Erfahrungen später gewaltbereiter, während Mädchen im Jugend- bzw. Erwachsenenalter ein höheres Risiko haben gewalttätige Partner zu tolerieren. „Sowohl direktes als auch indirektes Miterleben von Gewalt setzt Kinder großem Stress aus und schadet ihrer physischen, psychischen und sozialen Entwicklung. Die Gewalterlebnisse können u. a. posttraumatische Belastungsstörungen, gesundheitliche Probleme, Lern- und Leistungsstörungen nach sich ziehen“, so Berzlanovich.

Um ein Zeichen gegen häusliche Gewalt zu setzen, stellte Universitätsprofessorin Andrea Berzlanovich außerdem ihre Gewaltkartenaktion vor. Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Lehrveranstaltung sowie andere Interessierte definierten ihre Assoziationen und Überlegungen zu Gewalt in einem Satz auf einer "Gewaltkarte" und stellten ein Foto von sich, einer kleinen oder größeren Gruppe samt der ausgefüllten Karte den Organisatorinnen zur Verfügung. Daraus entstanden eine Kollage und eine Präsentation mit vielfältigen Eindrücken, die Berzlanovich mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Auftaktveranstaltung teilte.

Internationale Erfahrungen und wissenschaftliche Erkenntnisse

Kinder- und Frauenrechtsexpertin Renate Winter berichtete einerseits von ihren ganz persönlichen Erfahrungen mit Gewalt und Diskriminierung von Frauen, und erzählte andererseits eindrucksvoll von ihren internationalen Eindrücken und Erlebnissen als Mitglied des UN-Kinderrechteausschusses. Neben dem Leid das Kinder erfahren müssen, komme hinzu, dass Erwachsene die Gewalt an Kindern noch immer verharmlosen und die Täter noch immer decken würden. Noch immer würden Kinder nicht wirklich ernst genommen und schon gar nicht gehört, in keinem Land, so Winter. Anschließend stellten die Sozialwissenschaftlerinnen Sandra Messner und Andrea Hoyer-Neuhold vom Zentrum für Sozialforschung und Wissenschaftsdidaktik, ihren Bericht zum KIRAS-Projekt "EinSatz – Interventionen im Rahmen des Gewaltschutzgesetzes unter besonderer Berücksichtigung von Kindern und Jugendlichen" vor.

"EinSatz" ist gleichfalls Inhalt der einzelnen Vorlesungstage, die noch bis 10. Dezember an der MedUni Wien abgehalten werden und an denen verschiedenste Gewaltschutzmaßnahmen und Hilfsangebote speziell für direkt oder indirekt betroffene Kinder und Jugendliche durch Vortragende verschiedenster Professionen (Polizei, KH, Kinderschutzgruppe, Kriseninterventionsstelle, Frauenhaus, Kinder- und Jugendanwaltschaft, Kindertelefon, Volksanwaltschaft) aufgezeigt werden. Die interdisziplinäre Verbindung von Theorie und Praxis zeigt verschiedene Optionen der Intervention, des Erkennens und des konkreten Handelns bei Gewalt an Kindern und Jugendlichen, auch im Sinne von Prävention, auf.

Podiumsdiskussion zur Verbesserung von Kinderrechten

Wie eine Verbesserung der Kinderrechte erreicht werden kann, können Sie noch am 13.12.2018 bei der Abschlussveranstaltung in der Volksanwaltschaft (16 bis 18 Uhr) erfahren. Volksanwalt Günther Kräuter diskutiert mit der Diplompädagogin Gerda Reissner, Neue Mittelschule Schopenhauerstraße, der forensischen Psychologin, Sportwissenschaftlerin und Kindertrainerin Chris Karl, der Juristin und Mitglied der Expertenkommissionen der Volksanwaltschaft Claudia Grasl sowie der Bloggerin Desislava Manolova, wie die Rechte von Kindern und Jugendlichen in Österreich in ganz alltäglichen Situationen wie der Schule, dem Sport, öffentlichen Einrichtungen und in den Sozialen Netzwerken verbessert werden können. Durch die Veranstaltung führt Volksanwältin Gertrude Brinek.

 

Anmeldungen bitte unter: veranstaltungen@volksanwaltschaft.gv.at