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Einseitig, selektiv und verzerrend

7. März 2018

Volksanwaltschaft und Armutskonferenz präsentieren Studie über die Berichterstattung und Darstellung von sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen in österreichischen Massenmedien.

 

„Mädchen und Buben haben das Recht auf einen angemessenen Lebensstandard. Der Staat hat dafür zu sorgen, dass es in prekären Situationen Hilfs- und Unterstützungsprogramme gibt.“

(UN-Kinderrechtskonvention Art. 27)

 

In Österreich leben 289.000 Kinder und Jugendliche in Haushalten unter der Einkommensarmutsgrenze. Aus Studien ist bekannt, dass je früher, je schutzloser und je länger Kinder der Armutssituation ausgesetzt sind, desto stärker die negativen Auswirkungen in deren späterem Leben sind.

Massenmedien beeinflussen durch ihre Berichterstattung und Themenwahl maßgeblich die öffentliche und politische Meinung. Die Volksanwaltschaft und die Armutskonferenz haben eine Studie über die Berichterstattung und Darstellung von sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen in österreichischen Massenmedien in Auftrag gegeben, um mehr darüber zu erfahren, welches Bild von und über Probleme armutsgefährdeter Kinder und Jugendliche vermittelt wird. Im Fokus standen dabei Minderjährige, die aufgrund von Einkommen, Herkunft, Behinderung und Kindeswohlgefährdung ausgrenzt werden oder ausgegrenzt werden könnten.

Von Juni bis August 2017 wertete Medienanalytikerin Maria Pernegger die reichweitenstärksten, überregionalen Medien des Landes aus: Kurier, Standard, Presse, Krone, Österreich, Heute – inklusive der Facebook-Kanäle der genannten Medien. Sie gelangt zu dem Ergebnis, dass Medien über sozial benachteiligte Minderjährige oft nicht im Sinne der UN-Kinderrechtskonvention berichten, sondern diese und ihre Alltagsrealität einseitig, selektiv und verzerrend darstellen. Das birgt Gefahren, prägen doch Medien entscheidend unser Bild der Welt und unserer Gesellschaft.

„Sozial benachteiligte Kinder haben Talente und Potentiale – diese müssen stärker sichtbar gemacht werden! Zudem muss Kinderarmut mit allen Mitteln bekämpft werden. In diesem Sinne zeigt die vorliegende Studie dringenden Handlungsbedarf auf und ist ein Auftrag an Medienverantwortliche und Politik“, so Volksanwalt Günther Kräuter.

„Es geht darum, was Kinder können, sagen und brauchen. Kinder sind keine „Defizitpakete“ auf zwei Beinen – sie haben Fähigkeiten und Begabungen, die sichtbar gemacht werden sollen. Kinder haben etwas zu sagen, sie sind keine stummen Objekte“, unterstreicht der Sozialexperte Martin Schenk von der Armutskonferenz.

 

Key Findings der Medienstudie

Das medial relevanteste Thema ist Charity für schwer kranke Kinder und Minderjährige mit Behinderungen, dabei sind nur Kinder und Jugendliche ohne Migrations- oder Fluchthintergrund präsent.

Die Berichterstattung zeigt zudem eine starke Fokussierung auf Probleme und Defizite von Kindern. Es gibt kaum Positivbeispiele oder Berichterstattung über die Potentiale, Fähigkeiten und Stärken von sozial benachteiligten Kindern.

In nur drei Prozent der Fälle berichten Medien über die Potentiale und Talente der betroffenen Kinder und Jugendlichen. Sie selbst kommen kaum zu Wort.

Es zeichnet sich in den untersuchten Medien ein Gendergap ab: Burschen sind medial wesentlich präsenter als Mädchen.

Medien machen die Herkunft der Kinder und Jugendlichen zu einem zentralen Thema. Die „Ausländerdebatte“ dominiert die mediale Berichterstattung und die politische Debatte. Sie macht vor sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen nicht halt.

Es gibt signifikante Unterschiede beim Themensetting: Wird die Herkunft der Kinder nicht thematisiert, sind „Charity“ und „Kosten für Schule und Nachhilfe“ die relevantesten Themen in Medien. Wird in Medien ein Migrations- oder Fluchthintergrund erwähnt, dann dominieren die Themen Jugendkriminalität und (fehlende) Sprachkenntnisse.

Insgesamt beeinflussen die Boulevardblätter das Gesamtergebnis aufgrund ihrer hohen Reichweite wesentlich stärker als die Qualitätszeitungen.

 

Zentrale Handlungsempfehlungen

  • Sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche brauchen mehr öffentliche Aufmerksamkeit.
  • In der Berichterstattung über Kinder und Jugendliche ist mehr Sachlichkeit, aber auch Sensibilität geboten, damit Kinder vorurteilsfrei und im Sinne der Kinderrechte dargestellt und abgebildet werden.
  • Kinder und Jugendliche müssen in den Medien ihre eigene Sichtweise, Meinungen, Forderungen, Probleme und Wünsche darstellen können.
  • Medien sollten thematisch breiter über Kinderarmut berichten.
  • Mädchen und Buben sollten die gleiche Chance auf mediale Berichterstattung bekommen.
  • Die Herkunftsdebatte sollte nicht auf dem Rücken von Kindern und Jugendlichen ausgetragen werden.
  • Sensibilisierung und Reflexion der eigenen journalistischen Praxis in Form von Workshops oder Fortbildungen gemeinsam mit Personen aus der sozialen Praxis und Armutsbetroffenen ist erforderlich.
  • Es braucht eine Stärkung der sozialen Initiativen im Bereich der Förderung und Unterstützung von sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen aufgrund ihrer besonderen Expertise.